Was wird sein nach COVID-19?

Man sitzt derzeit zu Hause fest und hat mehr als genug Zeit zum Nachdenken. Der tägliche Fluss an bedrückenden, besorgniserregenden Nachrichten lässt einen nicht mehr los, obgleich der Erkenntnisgewinn dabei äusserst gering bleibt. Die Gedanken dazu rennen im Kreis oder zick-zack. Zeit, um mal etwas Ordnung ins eigene Denken zu bringen.

Als Industriedesigner oder als Entwickler ganz allgemein, gestalte ich mit bestimmten Annahmen im Kopf. Annahmen, die sich über Jahrzehnte professioneller Tätigkeit herausgebildet haben und die zuverlässig in neue Produkte umgesetzt werden.

Nun ist aber auch klar, dass unsere Welt nach durchstandener COVID-19 Krise nicht mehr die gleiche sein wird. Was wird sich ändern, was wird bleiben? Die Experten können einem da keine Sicherheit geben. Wir müssen uns also notgedrungen auf das Gebiet der Spekulation begeben.

Wenn ich nun Produkte plane – und die heute geplanten Produkte werden mit ziemlicher Sicherheit auf eine Zeit nach COVID-19 zutreffen – die sich in diesen veränderten Bedingungen behaupten müssen, dann macht es Sinn, sich über seine Annahmen im Klaren zu sein.

Zukunft denkbar machen

Das Zukunftsinstitut hat einige interessante Artikel über die vermuteten Auswirkungen von COVID-19 auf unser Verhalten veröffentlicht. Der Corona-Effekt – 4 Zukunfts-Szenarien für Wirtschaft und Gesellschaft ist nur einer davon, den man gelesen haben sollte. Ich wollte aber meine eigenen Gedanken dazu entwickeln und hab nach einer passenden Systematik gesucht.

So habe ich mir heute die gute alte Megatrend-Map des Zukunftsinstituts geschnappt und bin einmal alle Trends durchgegangen. Und habe sie mit meinen Annahmen abgeglichen. Eine sehr interessante Übung.

Hier meine Markierungen – Click to enlarge.

Brainstorming: Was halte ich für wahrscheinlich?

Wenn ich mir vorstelle, wie die Welt nach der Krise ausschaut, so fallen mir viele kleine Details ein, die sich nach der COVID-19 Erfahrung vermutlich ändern werden. Ich habe meine Gedanken einfach mal runtergeschrieben, 94 einzelne Vermutungen, sehr individuell von meinem spezifischen Blickwinkel aus als Designer in Deutschland lebend. Keinerlei Anspruch auf Allgemeingültigkeit oder Vollständigkeit. Ich poste dies hier auch, um zum Zeitpunkt der überwundenen Krise zurück zu schauen und zu erkennen, wie sich meine Sichtweise auf die Welt geändert hat.

Macht diese Übung doch auch einmal für euch selbst. Hier ist die Original-Megatrend-Map des Zukunftsinstitutes. Und hier ist meine lange Liste mit meinen persönlichen Annahmen für die Zeit nach COVID-19 – sowie jeweils zugeordnet die Trendphänomene aus der Megatrend-Map.

AnnahmeTrendphänomen
1Masken tragen wird zum Daily lifestyle gehörenAchtsamkeit, Do-it yourself, Universal design
2Höchste hygienische Standards werden gefordertPreventive Health
3Social/ Physical distancing wird weiter beibehaltenAchtsamkeit, Supersafe society, Privacy, OMLine
4Gesunder Lebensstil weiter auf dem VormarschAchtsamkeit, Health Literacy, OMLine, Digital Health
5Tele-Health, Fern-Konsultationen werden nachgefragt, um Ansteckung zu vermeidenDigital Health
6Schwarmintelligenz durch Gesundheitsdaten und KIPreventive Health, Predictive Analytics
7Die Angst vor der zweiten Welle ist präsentDigital Health, Open Knowledge, Resonanz-Gesellschaft
8Holistischer Gesundheitsbegriff wird reif, Körper, Umwelt, Stadt, Politik, GlobalHolistic Health
9Fitness Boom individualisiert mehr und mehr ins PrivateMovement Culture
10Sportlichkeit als Lifestyle geht zurückSportivity
11Denksport und andere Fernduelle via InternetMind-Sport
12Ernährungsbewusstsein nimmt zu, Richtung VeganFlexitarier
13Der Lockdown dauert bis in den SommerSupersafe society, Hygge, Lebensqualität
14Einfaches wird wieder mehr geschätztSimplexity
15Skin in the game – Gefühl für AufrichtigkeitIdentitätsmanagement
16Verantwortung wird erwartetTrust Technology
17Design wird ehrlicher – authentischSimplexity
18Vereinssport wird seltenerPreventive Health
19Private Feiern werden kleinerDownsizing, Wir Kultur, Neo-Tribes
20Großveranstaltungen zunehmend kritisch gesehenPreventive Health, Downsizing, Supersafe society
21Hygieneverhalten wächst, Germophobia, fremde Berührungen vermeiden, unsichtbare BarrierenHyperhygiene, Supersafe society
22Menschenmassen sind out, luftige Gruppen inDownsizing, Wir Kultur, Neo-Tribes
23China kann zum Vorbild werdenMultipolare Weltordnung
24Grenzen werden betont, Grenzverkehr nimmt abNeo-Nationalismus
25Lokale Gruppenbildung unterstützt durch Social MediaGlokalisierung, Social Networks, Gutbürger
26Hilfsorganisationen trendenSocial Business
27Rückholung der Produktion ins LandNearshoring, Simplexity
28Individuelle Not-Bevorratungen und -ManagementResonanz-Gesellschaft, Achtsamkeit
29Bullshit-Intoleranz wächstAchtsamkeit
30Freundschaften durch praktizierte selbstlose HilfeWir-Kultur, Sharing Economy
31Genuß wird anders definiert, achtsamerAchtsamkeit, Lebensqualität
32Neudefinition von LebensqualitätLebensqualität
33Vertrauen in die Politik sinktWir-Kultur, Resonanz-Gesellschaft
34Generationenkonflikt verstärkt sich (ok Boomer)Sinn-Ökonomie, Social Business, Lebensqualität, Post-Carbon Gesellschaft
35Permanente Verunsicherung bleibt in einigen Teilen der BevölkerungResonanz-Gesellschaft, Social Media
36Rückzug ins Private, Cocooning Hygge
37Cocooning wird nach draußen getragenHygge, Privacy, Preventive Health
38Schutzraum für Familie, Freunde wird ausdefiniertNeo-Tribes
39„Der engere Kreis“ wird definiert, alles andere ist draußenNeo-Tribes
40Eigene Bubble, mit anderen zusammenbubbelnWir Kultur
41Abstandsregeln führen zu neuen zwischenmenschliche Kommunikationsformen. Reale Emojis, LikesWir Kultur
42Mehr zertifizierte LieferdiensteAlltags-Outsourcing, Dash-Delivery
43Notwendige Flexibilität am ArbeitsmarktMultigrafie, Lifelong learning, Flexicurity
44Mehr Telekommunikation und InternetSmart Devices
45Medizinprodukte herstellen wird normalisiert, Konkurrenten arbeiten zusammen3D-Printing, Coopetion
46Messen sind out, Präsentation im Internet werden mehrReal Digital, Digital Creatives
47Bargeldlos bezahlen wird zum StandardTrust Technologie
48Verträge via Blockchain ersetzen die VertragsunterschriftBlockchain
49Erhöhte Cyber-Kriminalität / Internet AchillesferseCybercrime, Trust-Technology
50Privacy-Paradox – Wir wollen Privatheit, aber wir brauchen die Sicherheit aus Big Data, Frühwarnsysteme vs. DatenschutzPrivacy, Big Data, Self-Tracking
51Beschiss und Manipulation in Werbung und Design geht zurückDigitale Reputation, Post-Gender Marketing
52Die Stunde der Digital Creatives, alles kann digital gelöst werden.Digital Creatives
53Fahrrad, Roller BoomMikromobilität, Bike-Boom
54Weniger Reisen, weniger fern, bewussterDe-Touristification
55Individualverkehr bevorzugt, aber ökoE-Mobility
56Versandhandel boomtDash-Delivery
57Meidung von Massenverkehrsmitteln, Neue ÖPNV Konzepte gefordert 
58Weniger Fliegen, schützt die Gesundheit und die UmweltSlow Culture, Super-safe society, De-Touristification
59Umweltbewusstsein steigt an, Tempo 100 erstmals denkbarPost-Carbon Society
60Überhitzung in vielen Bereichen wird zurückgefahrenSlow Culture
61Aus Geiz ist geil wird: sinnvoll Geld ausgebenSinn Ökonomie
62Nachweis über die Herkunft wird gefordertDirect Trade, Post Wachstumsökonomie, Transparenzmärkte
63Abfallvermeidung – vs – Wegwerf-SchutzkleidungZero-Waste
69Lokal organisierte Circular economyCircular Economy
65Tauschhandel boomtSharing-Economy
66COVID verbindet sich mit KlimaschutzGreentec, Lebensqualität, Postwachstums-Ökonomie
67Viele neue Single-Use Produkte aus Sicherheits- und HygienegründenZero-Waste
68Anschaffungen mit Fokus auf Nachhaltigkeit und Sicherheit, Konsumfreude geht zurückMinimalismus, Slow Culture, Postwachstums-Ökonomie
69Premiumsegment wandelt sich in Richtung NachhaltigkeitLebensqualität, Minimalismus, Slow Culture, Postwachstums-Ökonomie
70Viele Menschen am ExistenzminimumSharing-Economy
71Hohe Arbeitslosigkeit Start-up Culture, Gig-Economy
72Von zu Hause aus selbständigStart-up Culture, Gig-Economy
73Arbeitsplatzsicherheit neu definiertCo-Working, Gig-Economy
74Homeoffice wird zur NormWork-Life-Blending, Cybercrime, open knowledge
75Office löst sich Schritt für Schritt aufWork-Life-Blending, Cybercrime, open knowledge
76Plattformen fürs Leben und ArbeitenPlattform Ökonomie
77Bessere Online ToolsPlattform Ökonomie
78Doppelverdienen wird seltener, neue ElternrollenProgressive Parents
79Systemwichtige Jobs werden aufgewertetCorporate Health
80Virtuelle Zusammenarbeit wird mehrKollaboration, Wir-Kultur
81Weniger MeetingsKollaboration, Smart-City
82Neue Shopkonzepte, sicherer, mehr Abstand, sinnvollerService-Ökonomie, Omni-Channeling, Dash-Delivery
83Internationaler Wettbewerb um die schlauesten KöpfeTalentismus
84Hochqualifizierte Leute langweilen sich / arbeitslos / pensioniertUn-Ruhestand
85Ältere Generation muss rettenDownaging, Post-Demografie
86Ausgelassenheit in der Gruppe fällt schwer, Ausgehmeilen auf dem RückzugThird Places
87Zusammengehörigkeit ausdrückenCo-Living
88Die Stadt verliert an ReizDe-Urbanisierung, Rural Citiys
89Nachbarschaftshilfe weitet sich ausUrban Manufacturing
90Tinyhouses – klein aber meinMicro Housing
91Unterhaltung geht in Richtung WissensvermittlungEdutainment
92Lernort Schule wird in Frage gestelltLearning Analytics, Bildungsbusiness
93Fernwartung, Fern-AnleitungenAugmented Learning
94Mehr selber machen, neue Fähigkeiten erwerben Open Innovation, Crowdsourcing, Co-Working, Do it yourself, Digital Literacy, 3D Printing

Was können wir nun damit anfangen?

Das ist sicher der schwierigere Part. Offen gestanden weiss ich das jetzt noch nicht. Ich nehme an, dass diese 94 persönlichen Annahmen meine Entscheidungen beeinflussen werden. Entscheidungen in Designprojekten, Entscheidungen für Investitionen oder Partnerschaften. Ich würde mich jedenfalls freuen, wenn wir diese spekulative Betrachtung auch gemeinsam mit unseren Kunden – für deren Mikrokosmos – anstellen dürften. Unser Angebot zu einem gemeinsamen Workshop Innovationsmanagment steht hiermit.

Ergänzung 1:

Im Zusammenhang mit den oben angenommenen möglichen Verhaltensänderungen habe ich folgende Erkenntnis aus dem Buch „Skin in the Game“ von Nassim Nicholas Taleb gewonnen: Eine intolerante Minderheit – und sei sie auch noch so klein – wird über kurz oder lang die tolerante Mehrheit dominieren. Das Buch gibt viele anschauliche Beispiele dafür.

Medical Design Trend Update
Markus Wild

Markus

Markus schreibt über Design- und Innovationsmanagement, Kreativitätsmethoden, Medical Design und Intercultural Branding. Mehr über...

Originally written by Markus Wild, 29. März 2020. Last updated 30. März 2020

Schreibe einen Kommentar

Ja, ich bin mit der Speicherung meiner Daten zur Veröffentlichung des Kommentars einverstanden. Grundsätzlich werden meine Daten nicht an Dritte weitergegeben. Das finde ich gut. Die Hinweise zum Datenschutz habe ich gesehen und bin damit einverstanden.

×

Get our chinese newsletter

Want the latest and greatest from our blog straight to your inbox? Simply sign up!


×

Newsletter registration

We have sent you an email with confirmation link.
Please also check the spam folder.