Vordenker-Projekt 6 | AlliGo. Was tun bei Anaphylaktischem Schock?

Das sechste Vordenker-Projekt ist Alice McCutcheon zu verdanken. Die Industrial Design-Studentin aus U.K. hat sich in ihrem Praktikum bei WILDDESIGN in Gelsenkirchen mit einem relativ unbeachteten Thema befasst: dem Umgang mit Allergieschocks. Wenn die Betroffenen selbst gut über ihre Allergie aufgeklärt sind, gibt es meistens keinen Grund zur Sorge. Aber was ist, wenn im Restaurant, in der Schule oder auf einer Party doch mal jemand einen anaphylaktischen Schock erleidet? Wie geht man mit der Situation um, wenn die betroffene Person nicht ansprechbar ist?

Die Ausgangssituation

Atemnot, Hautausschlag, Zungenschwellung, Herzprobleme, Bewusstlosigkeit – das sind alles Symptome, die bei einem Allergieschock auftreten können. Als Notfallmedikament gibt es Spritzen mit Adrenalin, sogenannte EpiPens. Dadurch werden vorübergehend die Blutgefäße verengt und die Atemwege erweitert. Alice hat produktbezogene Probleme und Chancen der Spritzen identifiziert und kategorisiert:

KategorieProblemeChancen
BenutzerfreundlichkeitUmgang ist für unaufgeklärte Menschen nicht klarselbsterklärende Hinweise, damit Spritzen angewendet werden
Preisist in den letzten Jahren stark gestiegenein Teil des Produkts soll wiederverwendet werden: kein regelmäßiger Neukauf
NachhaltigkeitEinwegprodukt, Müllproduktionersetzbare und recycelbare Teile
Transportplatzeinnehmend, wird daher oft vergessenpasst in die Hosentasche, kann an anderen Objekten befestigt werden
FunktionForm und Funktion passen nicht zusammenTechnologie integrieren, um die Funktion zu unterstützen

In Notfallsituationen treten weitere Probleme in Verbindung mit Unwissenheit auf: Viele Menschen verfallen in Panik und wissen nicht, wie sie reagieren sollen. Häufig rufen sie den Notarzt, der aber nicht immer schnell genug zur Stelle sein kann. Vergessene EpiPens oder Unkenntnis über deren Verabreichung erschweren die Situation zusätzlich.

Eine Customer Journey und eine beispielhafte Persona führten Alice zum wesentlichen Verbesserungsbedarf:

  • Tests für zuhause steigern das Bewusstsein für eigene Allergien
  • Die USP des neuen Produkts werden u. a. von Ärzten kommuniziert
  • Geringe Beschaffungszeit und Langlebigkeit des Produkts
  • Bequemer Transport und leichte Anwendung
  • Pünktliche Erinnerung zum Austausch des Wirkstoffs und Rabatte für treue Kunden

Alices Projektziel war also vor allem eines: einen Lebensretter zu kreieren. Ein Gerät, das einen anaphylaktischen Schock schnell behandelt, nicht so leicht zuhause vergessen wird und für jeden leicht zu benutzen ist.

Die Konzeption

Über Brainstorming und Skizzen gelangte Alice zu drei Konzepten.

Konzept A

Dieses Design ähnelt der Optik eines breiten Kugelschreibers und nimmt somit möglicherweise Hemmungen vor der Benutzung. Diese erfolgt in drei simplen Schritten: An einem Ende des Instruments wird vor dem Gebrauch eine Kappe abgezogen, dann wird es an den Oberschenkel des Allergikers gehalten und das andere Ende wird – wie bei einem Stift – hineingedrückt. Dabei wird das Adrenalin injiziert, wobei ein Kreis am Apparat anzeigt, wann die vollständige Dosis verabreicht wurde.

Konzept B

Das zweite Gerät ist breiter als das erste, weil es gleich über zwei Adrenalindosen verfügt – oft werden zwei Spritzen benötigt. Auch dieser Apparat ist intuitiv anwendbar: Der hautfarbene Teil veranschaulicht, welche Seite am Bein angesetzt wird. Auf der anderen Seite muss vor dem Verwenden eine Schutzkappe abgezogen werden. Die Beschriftungen der beiden Knöpfe „Dosis 1“ und „Dosis 2“ sind für die Nutzer selbsterklärend. Über einen QR-Code können weitere dringende Informationen wie Notfallkontakte abgerufen werden.

Konzept C

Das dritte Design hat eine ovale Form und einige zusätzliche Funktionen. Mit einem Clip auf der Rückseite kann der Apparat an Taschen befestigt werden – praktisch für unterwegs. Vor dem Gebrauch öffnet man eine Klappe auf der Rückseite und positioniert die Spritze. Um das Gerät zu entsperren, wird das Ende für zwei Sekunden gedrückt. Anschließend ertönt eine Audio-Einweisung, die das weitere Vorgehen erklärt, bei dem die Dosis in den Oberschenkel injiziert wird. Auch für eine weitere Dosis ist gesorgt: Bei Bedarf kann das Vorgehen wiederholt werden.

Die finale Detaillierung

Der nächste Schritt zum Ziel: die Prototypenanfertigung zur Optimierung der Ergonomie und für passende menschliche Maße. Mittels Moodboards näherte Alice sich der gewünschten Optik an. Auch über das Marketing machte sie sich Gedanken: Sie entwarf ein Logo, formulierte Markenwerte und Produktassoziationen. Die Markenziele:

  • Allergiker sollen einen aktiven Lebensstil ohne Einschränkungen leben können.
  • Klare Kommunikation und Anweisungen führen zu einem beruhigten Nutzererlebnis.
  • Ein sicheres Empfinden für Produktnutzer: Auch unbeteiligte Menschen werden in der Lage sein, ihnen zu helfen.

Nach dem Feinschliff der Konzepte hatte Alice das Projektziel erreicht: das finale Design.

Das Ergebnis

Das Endprodukt AlliGo vereint die besten Ansätze aus allen drei Konzepten:

Optik: Die Form ist rechteckig mit abgerundeten, weichen Kanten. Features für eine sichere Anwendung: Auf der Vorderseite sieht man durch ein schmales Fenster, ob der Wirkstoff verabreicht wurde. Darüber zeigt ein Lichtkreis den Status der Injektion an. Auf der Rückseite ist die Anwendung in drei Schritten visualisiert. Mit einem roten Schieber wird die Klappe geöffnet, um die Spritze einzusetzen.

Transport: Auch für ein sicheres Aufbewahren ist gesorgt: AlliGo kann gemeinsam mit Spritze und Wirkstoff in einer Verpackung transportiert werden.

Schlüsselfunktionen: AlliGo wird induktiv geladen. Die Spritzen werden nach wie vor nach dem Gebrauch entsorgt – das Instrument wird aber behalten.

Eine weitere herausragende Besonderheit: die Verbindung mit einer App. Über diese können Alarme empfangen werden, wenn die vorhandenen Wirkstoffe bald ablaufen. Andersherum kann auch ein Alarm herausgesendet werden: Über einen Notfallknopf werden automatisch Notfallkontakte und Notarzt gerufen. Durch Nahfeldkommunikation (NFC-Funktion) wird der Nutzer daran erinnert, AlliGo mit sich zu führen. Wenn gewünscht können in der App außerdem persönliche medizinische Angaben zu Allergien gemacht werden – so sind Helfer, Angehörige und Ärzte in Notfallsituationen schnell informiert. Ein Training klärt die Nutzer außerdem über den richtigen Umgang mit ihrem Lebensretter auf.

AlliGo sorgt für mehr Sicherheit für Betroffene und den richtigen Umgang mit anaphylaktischen Schocks durch alle Beteiligten. Danke an Alice für diese kreative Leistung!

Wenn Ihnen dieses Konzept oder einzelne Aspekte davon gefallen oder Sie der Meinung sind, dass wir weiter daran arbeiten sollten, lassen Sie es uns bitte einfach wissen. Wir freuen uns auf Ihr Feedback unter vordenker-projekte@wilddesign.de oder über den untenstehenden E-Mail-Button.

Kindheit mit Kunstherz und Klinikaufenthalt

Jule

Jule schreibt über Designprozesse und unsere Projekte im Bereich Medical Design.

Originally written by Jule Opp, 11. November 2020. Last updated 17. November 2020

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