Vordenker-Projekt 4 | Infusionsständer: Ivy

Wir kennen sie alle, hinterfragen sie aber kaum: Infusionsständer. Sie dienen dem Aufhängen von Infusionslösungen. Darunter fallen meistens Flüssigkeiten, die den Salz- oder Flüssigkeitsgehalt eines Patienten wiederherstellen. In speziellen Fällen können sie auch zur Verabreichung von Medikamenten oder zur künstlichen Ernährung dienen. Sind Ihnen dabei schon Komplikationen im Zusammenhang mit diesen Geräten aufgefallen? Der Produktdesign-Studentin der University of Leeds Orla Haigh schon. Nach einer umfangreichen Recherchearbeit hat sie einige Probleme identifiziert, für die sie in ihrem Praktikum bei WILDDESIGN in München einen sehr beeindruckenden Lösungsansatz entwickelt hat.

Orlas Vorgehen

Workflows und eine Wettbewerbsanalyse dienten Orla als Recherchetools. Dabei ergaben sich einige, und für eine optimale Handhabung wesentliche, Probleme. Die Studentin leitete daraus eigenständig Anforderungen an ihr Fachgebiet ab: Produktdesign. Sie entwickelte Konzepte, prüfte sie gemeinsam mit dem Münchener Team und optimierte sie bis zu dem hier dargestellten Ergebnis: Ivy.

Optimierungsbedarf von Infusionsständern

Es tat sich eine Vielzahl von Problemen auf:

  1. Das Befestigen von Geräten (z. B. Pumpen) am Ständer erfolgt meist einhändig, da die zweite Hand dazu benötigt wird, das Wegrollen des Ständers zu verhindern. Das führt oft zu Schulter- und Rückenproblemen.
  2. Die Basis samt Rollen und Füßen passt häufig nicht unter das Krankenhausmobiliar und nimmt somit viel Platz ein.
  3. Meist steht der Ständer auf fünf Rollen und dadurch kann es schwierig werden, neben dem Gestell zu laufen, ohne mit ihm zu kollidieren.
  4. Die instabilen Ständer kippen leicht um.
  5. Das Heben und Befestigen von Infusionsbeuteln kann gesundheitsgefährdend sein, da sie relativ weit oben am Ständer angebracht werden.
  6. Infusionsbeutel müssen präzise an Haken befestigt werden. Dies ist im ausgefahrenen Zustand der Säule schwierig.
  7. Krankenhauspersonal steht häufig unter Zeitdruck. Das Befestigen der Beutel ist zu kompliziert und somit zu zeitaufwendig.

Details prägen das Gesamtbild

Essenziell für die Wahrnehmung und spätere Akzeptanz eines Infusionsständers sind neben der einfachen und schnellen Handhabung: die Form sowie deren Details. Um eine Bandbreite von Lösungsansätzen aufzuzeigen, entwickelte Orla daher verschiedene Design-Konzepte.

Design Sketches

Sie fokussierte sich auf ein Modell mit Y-Form, dessen oberer Bereich nach vorne geneigt ist. Es hat an beiden oberen Enden jeweils einen Haken, sodass zwei Infusionsbeutel gleichzeitig befestigt werden können. Dabei können die Beutel einfach über die Haken gehängt werden, ein präzises Vorgehen ist nicht nötig. Durch Quick-Lock-Systeme an den Haken werden die Beutel gesichert.

Nahansicht: Infusionsbeutel am Haken

Ein weiterer Bestandteil des Infusionsständers: die Pumpenbefestigung. An einer Pumpe kann die Durchflussrate der Infusion eingestellt werden. Wenn das eingestellte Volumen und der festgelegte Zeitraum abgelaufen sind, geben die Pumpen ein akustisches Signal ab. Die an dem Infusionsbeutel angeschlossene Pumpe kann auf der Säulenhalterung platziert werden.

Die Pumpenbefestigung

Auf gleicher Höhe, aber der anderen Seite des Ständers, befindet sich ein Handhebel. Er dient der einfachen Höhenverstellung in drei simplen Schritten: den Hebel hochklappen, zum Verstellen nach oben oder unten ziehen und den Hebel wieder zuklappen. Zusätzlich gibt es einen Knopf zum Entsperren des Hebels.

Die Höhenverstellung

Die Basis besteht aus vier Füßen mit jeweils einer Rolle. Durch ihre flach zulaufende Form können die Ständer im Lager überlappend gestellt werden und nehmen so weniger Platz ein. Die Basis ist also nicht nur stapelbar, sondern kann auch gut unter Möbel geschoben werden.

Die stapelbare Basis

Weg von klinischem Weiß und poliertem Edelstahl: Durch einen neuen Materialmix entfernt sich das Design von diesem typischen Erscheinungsbild von Infusionsständern. Eine Mischung aus mattem Schwarz mit weißen und türkisen Akzenten sorgt für ein erfrischend modernes Design. Eine sehr zeitige Gesamtanmutung, die zum Produktumfeld passt.

Mobile und stationäre Anwendung

Das Design musste zwei wesentlichen Anwendungsbereichen gerecht werden: dem Standort neben dem Patientenbett und dem mobilen Einsatz auf den Fluren.

Anwendungsbereiche

Da vor allem Krankenschwestern und -pfleger mit den Infusionsständern zu tun haben, sind sie neben den Patienten die wichtigste Zielgruppe für potenzielle Produktverbesserungen. Neben der niedrigen Basis gibt es einen weiteren Pluspunkt: Die Säule kann bis auf 1 m über der Infusion am Patienten hochgestellt werden, sodass Schläuche und Beutel weniger stören.

Die Mobilität auf den Fluren wird durch den Ivy Infusionsständer massiv verbessert: Vier statt den herkömmlichen fünf Füßen reduzieren die Stolpergefahr und stellen sicher, dass die Basis leichter zu ziehen ist. Damit das Gestell trotz weniger Rollen stabil ist, wird auch die Anzahl der Beutel an den Haken von vier auf zwei Infusionen reduziert. Ein störendes Pendeln der Infusionsbeutel gegen den Mast wird durch den gebeugten oberen Teil des Ständers verhindert. Ein weiterer Vorteil: mehr Abstand zum Gestell beim Laufen. Dank des großen, hervorstehenden Handhebels kann das Gestell weiter entfernt von den eigenen Füßen geschoben werden.

Die Optimierungen auf einen Blick

Orla löst mit ihrem finalen Konzept einige der identifizierten Probleme: die Lagerproblematik der Ständer; die Überlastung im Schulterbereich, die beim Befestigen oder Lösen von Infusionsbeuteln entsteht; die komplizierte Höhenverstellung sowie die Schwierigkeiten bei der mobilen Nutzung auf Krankenhausfluren. Die Design-Merkmale von Ivy können in drei Kategorien eingeteilt werden: die Haken, die Höhenverstellung und die Basis.

Haken:
die Infusionsbeutel hängen mindestens 1 m über der Infusion am Patientenbett
an den Haken können mehr als ein Beutel befestigt werden
schnelles Aufhängen der Beutel dank der Quick-Lock-Haken
Verringerung des Risikos, dass die Beutel herunterfallen
reduzierte Überlastung von Schulter- und Nackenpartie

Höhenverstellung:
nur minimale Kraft für die Höhenverstellung dank des ergonomischen Handhebels
schnelle Höhenanpassung durch das einfache Entsperr-System
leichte Kontrolle des Gestells während des Transports durch den Handhebel
Pumpenbefestigung auf der anderen Seite des Hebels

Basis:
das weite und tiefe Design der Basis sorgt für ein stabiles Gestell
4 statt 5 Rollen sind während des Transports weniger im Weg
es wird weniger Platz zum Lagern benötigt, da die Basis stapelbar ist
weniger benötigter Platz im Krankenzimmer, da die niedrige Basis unter Krankenhausmöbel geschoben werden kann
draußen und auf holprigen Böden ist der Transport und insbesondere das Schieben leichter, da nur 4 Räder verbaut sind

Ein Design für drei Kriterien: Funktion, Komfort und Ästhetik

Der Ivy Infusionsständer fordert herkömmliche Modelle von Infusionsständern heraus und bietet Lösungsvorschläge für einige Probleme, die sich während oder vor dem Einsatz ergeben. Im Mittelpunkt der Optimierungen stehen die Platzreduzierung während des Gebrauchs im Krankenzimmer oder im Lager und der Komfort für Patienten, Krankenschwestern und -pfleger.

Im Fokus der meisten Infusionsständer stehen funktionelle Aspekte – Komfort und Ästhetik werden vernachlässigt. Ivy vereint diese Elemente und unterstreicht eindrucksvoll das Potential guter Produktgestaltung.

Ivy Infusionsständer von Orla Haigh

Vielen Dank an Orla für einen sehr inspirierenden Entwurf!

Wenn Ihnen dieses Konzept oder einzelne Aspekte davon gefallen oder Sie der Meinung sind, dass wir weiter daran arbeiten sollten, lassen Sie es uns bitte einfach wissen. Wir freuen uns auf Ihr Feedback unter vordenker-projekte@wilddesign.de oder über den untenstehenden E-Mail-Button.

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Jule

Jule schreibt über Designprozesse und unsere Projekte im Bereich Medical Design.

Originally written by Jule Opp, 21. Januar 2021. Last updated 14. April 2021

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