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Point of Care (PoC) Diagnostik – Medical Trend No. 1

By Markus, 15. Dezember 2017

Innovative Technologien haben im Laufe der letzten Jahre ein schier grenzenloses Potenzial für Point-of-Care-Lösungen geschaffen. Die Möglichkeit der patientennahen Behandlung, Untersuchung und Diagnostik wird dazu führen, dass die medizinische Leistung zukünftig nicht mehr im Krankenhaus oder in der Arztpraxis gebündelt, sondern viel breiter gestreut wird: Diagnostische Untersuchungen in der Apotheke oder dem Fitness-Studio werden keine Seltenheit mehr sein – und vielleicht auch schon bald Supermärkte erobern.

Wie-viel-Diagnose-braucht-der-Mensch

Point-of-Care zählt daher zu den aktuellsten Trends in der Medizintechnologie und ist damit eines unserer Themen im Medical Design Trend Update. Doch wie ist der Siegeszug zu erklären? Und welche Auswirkungen hat das Vordringen medizinischer Produkte in bisher unbekannte Kontexte?

 

Das Labor „to go“

Beständig rückt die Medizintechnik näher an den Point of Care (PoC) heran. Dafür ebnen insbesondere die fortschreitende Miniaturisierung und Digitalisierung den Weg: Immer kleinere und leichtere, gleichzeitig aber leistungsstärkere Komponenten machen bislang stationäre Labor- und Medizintechnik klein und mobil. Teilweise lassen sich die neuen Geräte mit dem Smartphone oder dem Tablet vernetzen, mit denen sie sich zum einen steuern und zum anderen leicht bedienen lassen, da uns deren Nutzung aus dem Alltag vertraut ist.

Zeitgleich mit dem technischen Fortschritt wächst die Neugier der Menschen auf die vielfältigen Möglichkeiten des Self-Trackings. Ohne Umwege über das Wartezimmer oder das Labor möchten sie eine Diagnose über das eigene Wohlbefinden stellen können: Nicht der Mensch geht zur Medizin, sondern die medizinischen Geräte kommen zu ihm. Darin ist aber nicht nur das Zuhause des Patienten inbegriffen – Point of Care kann im Altenheim, einem öffentlichen Gebäude oder in der Apotheke lokalisiert sein. Überall dort, wo eine medizinische Intervention gebraucht wird – und so sprechen auch einige Anbieter von „Point of Need“.

 

Wer gesund sein will, muss messen

Ältere oder chronisch Kranke – wie z.B. Diabetiker oder Asthmatiker – können sich ebenso wie fitness- und gesundheitsorientierte Menschen mittels Messung ihrer Vitalparameter über ihr Wohlbefinden informieren. Der Trend zur Selbstvermessung ist also nicht nur der demografischen Entwicklung und der Zunahme chronischer Krankheiten geschuldet, sondern geht auch mit einem neuen Gesundheitsbewusstsein einher. Fieberthermometer oder Blutdruckmessgeräte, die mit ihrem Einzug in private Haushalte in den 1990er Jahren als Vorreiter des Point-of-Care-Trends gelten können, hatten über einen langen Zeitraum mit der Skepsis seitens der Ärzte zu kämpfen. Nicht sicher genug, mangelnde Präzision – so äußerten sich die medizinischen Profis. Dieses schlechte Image konnten die Home-Care-Geräte im Laufe der letzten Jahre ablegen und damit den Weg für den Point-of-Care-Trend öffnen. Die Basis dafür bilden zum einen technische Weiterentwicklungen, beispielsweise in der Biotechnologie, der Datenübertragung, der Vernetzung oder Miniaturisierung. Zum anderen stieg die Akzeptanz der Verbraucher gegenüber den Lösungen stark an. Die Nutzung von Gesundheits- und Fitness-Apps ist laut dem Mobile-Analytics Dienst Flurry seit 2014 um 330 Prozent gestiegen, das Vertrauen in die digitalisierte Unterstützung scheint demnach entsprechend hoch zu sein.

 

Design follows Kontext: Komplex oder intuitiv, schwer oder leicht?

Welchen Anforderungen das Design einer PoC-Lösung genügen muss, wird nicht zuletzt durch den Einsatzort bestimmt. In unserer Design-Research unterscheiden wir 18 verschiedene Kontexte, in denen PoC-Geräte heute eingesetzt werden, von der Rettungsmedizin bis hin zur Selfcare in der eigenen Wohnung. Neben den Räumlichkeiten spielen die typischen Personen bzw. Rollen sowie die Arbeitsabläufe eine wesentliche Rolle. Wird das PoC-Gerät also vom Rettungsdienst, in einem Operationssaal oder in der Reha und damit von geschultem Personal genutzt, sind die Geräte deutlich komplexer und funktionsorientierter als solche, die in der häuslichen Umgebung des Patienten eingesetzt werden. Hier liegt der Schwerpunkt deutlicher auf einem modernen, ästhetischen und in besonderen Fällen sogar personalisierbarem Design. Auch die intuitive Bedienbarkeit ist im privaten Umfeld wichtiger als bei professioneller Anwendung.

Ob privat oder professionell, schwer oder leicht, funktional oder trendy – der Beantwortung elementarer Gestaltungsfragen geht hierbei in besonderem Maße die gründliche Analyse des PoC-Kontextes voraus.

POC-Kontexte

Schnell-Diagnose und Selftracking: Fluch oder Segen?

Kontinuierlich zeigen innovative Technologieentwicklungen vielfältige Möglichkeiten für PoC-Lösungen auf, sodass auch Branchenfremde die Chance wittern, neue Märkte zu erschließen. Der technische Fortschritt lässt viele Möglichkeiten zu, darin Fuß zu fassen. Ob sich die Produkte jedoch im Markt behaupten können, hängt unter anderem davon ab, ob es vom klinischen Personal als arbeitserleichternd beziehungsweise vom Privatanwender als sinnvoll wahrgenommen wird und inwieweit die Kosten von den Krankenkassen erstattet werden. Anderenfalls droht die Gefahr, dass sich nur ein kleiner Teil der Gesellschaft ein Mehr an Gesundheit leisten kann und damit die ohnehin in dem Bereich bereits vorhandene Zwei-Klassen-Gesellschaft weiter verstärkt wird.

Die Vorteile der neuen patientennahen Systeme hingegen sind enorm: Blutuntersuchungen, die bislang in einem Labor erfolgen mussten, lassen sich inzwischen direkt am Patientenbett durchführen. Dies erspart dem Patienten die Wartezeit oder gar den stationären Aufenthalt. Hinzu kommt, dass gerade kleinere Kliniken nicht über ein hausinternes Labor verfügen, sodass zwischen Probennahme und Diagnostik mehr als nur Stunden vergehen können, die in akuten Fällen schwerwiegende Konsequenzen nach sich ziehen. Notfallärzten oder Sportmedizinern bieten die immer präziseren und innovativeren PoC-Lösungen ebenfalls die Möglichkeit noch adäquater bei Unfällen reagieren zu können: Beispielsweise können sie mit einem mobilen Ultraschall direkt vor Ort einen gesicherten Befund erstellen und entsprechende Maßnahmen einleiten. Da die PoC-Systeme außerdem in der Regel kostengünstiger als das stationäre Gerät erhältlich sind, können sich auch Arztpraxen mit Untersuchungsgeräten ausstatten, die diese Kosten ansonsten gescheut hätten.

 

Schnell und schmerzlos: Tests ermitteln Blutzuckerspiegel, MRSA-Keime oder Antioxidantien

biozoom

Die Angebotspalette an PoC-Lösungen wächst kontinuierlich. Mit jeder technischen Neuerung erweitern sich die Möglichkeiten. Das Unternehmen Biozoom aus Kassel beispielweise hat ein Standdisplay für Apotheken oder andere Service Points entwickelt, an dem die Kunden durch einen Scan ihrer Hand unter anderem ihre Antioxidantien, die für die Bekämpfung freier Radikaler im Körper verantwortlich zeichnen, überprüfen können. Das Interview mit dem Biozoom Geschäftsführer Hardy Hoheisel, der zu den Pionieren im Bereich Health Tracking am Point of Care zählt, können Sie im aktuellen Trend Report nachlesen.

Neben der Vorsorge und dem Bedürfnis nach einem gesünderen Lebensstil können PoC-Lösungen aber auch schnell Gewissheit über akut notwendige Informationen bereitstellen: Eine nicht-invasive Methode zur Blutzuckermessung entwickelte zum Beispiel das Frankfurter Start-up DiaMonTech. Nachdem sich daran bereits unzählige etablierte Unternehmen versucht haben und Google eine Kontaktlinse mit Mess-Chip entwickelt hat, scheint nun eine Lösung in Sichtweite zu rücken: Schon im nächsten Jahr soll die Glucobox per Laser den weltweit über 400 Millionen Diabetikern nicht nur schmerzfreie, sondern auch präzisere Werte übermitteln als die derzeit handelsüblichen Messlösungen, sodass Ärzte die Medikamentierung besser an ihre Patienten anpassen können.

Auch antibiotikaresistente Krankheitserreger sollen sich zukünftig direkt am PoC bestimmen lassen. Das Freiburger Start-up SpinDiag entwickelt ein Screening-System, das Risiko-Patienten schon bei der Aufnahme in ein Krankenhaus identifiziert – und das in nur 30 Minuten statt wie bisher in zwei bis drei Tagen. Betroffene Patienten können damit direkt isoliert werden, wodurch das Infektionsrisiko für andere Patienten gesenkt wird.

 

Learnings Point of Care

  • Nicht der Mensch muss zur Medizin gehen, die medizinischen Geräte kommen zum Menschen.
  • Mit dem technischen Fortschritt steigt die Neugier der Menschen auf die zunehmenden Self-Tracking-Möglichkeiten.
  • Die patientennahen Systeme verkürzen die Wartezeiten bis zum Befund. Teilweise ersparen sie dem Patienten den stationären Aufenthalt. Am Unfallort können sicherere Diagnosen gestellt werden.
  • Häufig sind die PoC-Systeme günstiger als die stationären Geräte, sodass die Anschaffung auch für Arztpraxen oder kleinere Krankenhäuser bezahlbar ist.

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Der User – die treibende Kraft für Produktinnovationen?
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