Interview mit Samuel Perret: Nachhaltigkeit im Unternehmen

„Ohne Nachhaltigkeit geht bei uns gar nichts mehr.“

Samuel Perret ist Head of Sustainable Innovation Strategies bei unserem Partner milani in der Schweiz.

Was bedeutet Nachhaltigkeit im Unternehmen?

Samuel Perret: Vereinfacht gesagt ist Nachhaltigkeit das Managen von Verantwortung durch Fremdwirkungen. Nachhaltigkeit umfasst traditionsgemäß drei Bereiche: Gesellschaft, Umwelt und Ökonomie. Was für uns wichtig ist, ist eine Stakeholderbetrachtung. Das ist eine systemische Betrachtung, an welchen Stellen und bei welchen involvierten Akteuren man durch die Geschäftstätigkeit entlang der gesamten Wertschöpfungskette oder über alle Produktlebensphasen einwirkt. Das kann die Gesellschaft sein, direkt die Menschen oder eben auch die Umwelt. Über diese Fremdwirkungsbereiche muss man im Unternehmen sprechen. Das bedeutet, bis wohin möchte man als Unternehmen Verantwortung übernehmen? Unternehmen, die sehr nachhaltig sind, verstehen sich als verantwortlich für ganz viele Aspekte, die nicht nur mit ihrem Kerngeschäft zu tun haben. Aber man beginnt natürlich dort, weil es da am unmittelbarsten ist.

Wie unterstützt milani Unternehmen dabei?

SP: Wir unterstützen Unternehmen, die in allen Reifegraden des Bewusstseins für das Thema und die Umsetzung sind. Da bieten wir ganz zu Beginn Hop-On-Workshops an, in denen es erstmal darum geht, Nachhaltigkeit verstehen und alle auf den gleichen Wissensstand zu bringen. Anschließend folgt ein Strategieprozess. Da werden Verantwortungsbereiche definiert und eigene Geschäftschancen diskutiert. Oft ist es vielleicht kurzfristig etwas teurer, aber langfristig zahlt sich das aus. Da geht es auch um Kommunikation und wir helfen, diese Aspekte zu verstehen. Das ist ein 9-Schritte-Strategieprozess, der eine solide Basis legt für ein Nachhaltigkeits-Designprojekt. Das Designprojekt ist ein wesentliches Element unseres Angebots, mit dem man dann explorativ an einem Beispielprojekt, oder vielleicht am bestselligen Produkt, mit der Umsetzung beginnt.

Was wir auch festgestellt haben ist, dass Unternehmen etwas zur Stabilisierung der Nachhaltigkeit brauchen. Da geht es dann um Design Guidelines, Nachhaltigkeits-Guidelines, also quasi die Verankerung der Strategien im Produktentwicklungs- und Designprozess. Somit bieten wir den ganzen Bogen von Nachhaltigkeit entdecken, verstehen, Strategiegrundlagen aufbauen, Designprojekte anleiten, bis hin zur Stabilisation von Nachhaltigkeit.

Also ist die Schnittstelle zum Design der Prozess, wie man Nachhaltigkeit im Unternehmen erreicht?

SP: Ja, wir bringen die Bereiche Unternehmensstrategie, Nachhaltigkeit und Innovation zusammen. Das heißt, wir können einerseits Nachhaltigkeit auf die Unternehmensstrategie abgestimmt in den Innovationsprozess bringen und umgekehrt. Es gibt Unternehmen, die schon immer in Innovationsprozessen arbeiten, aber ihnen fehlt das Nachhaltigkeitselement. Und dann gibt es andere Unternehmen, die wahrscheinlich schon ein starkes Nachhaltigkeitsbekenntnis haben, aber ihnen fehlt die innovative Sicht auf das Thema. Und da beraten wir mithilfe von Designmethoden. Das ist weniger Industriedesign, sondern eher Design Thinking für Innovationsprozesse. Und wir benutzen dann je nach Situation das passende Instrument.

Wie ist milani zu dem Thema gekommen?

SP: Die Geschäftsführerin Britta Pukall hat mich dazu eingeladen, eine Schulung zu machen, weil sie das Thema wichtig findet. Das sind gute Voraussetzungen, wenn es von der Geschäftsleitung mitgetragen wird. Nach der Schulung haben die Leute gesehen, das müssten sie jetzt eigentlich kontinuierlich berücksichtigen. Mittlerweile ist es fix in der Strategie verankert, ohne Nachhaltigkeit geht bei uns gar nichts mehr. Die Zeit ist reif, reifer denn je. Die letzten 15 Jahre hat sich in der Industriedesign-Welt schon einiges verändert. Auch der Nachfragesog von Kunden ist da. Wir werden herausgefordert, weil die Kunden zum Teil in ihrem speziellen Bereich schon sehr tief in den Nachhaltigkeitsthemen drin sind. Als externe Organisation ist es dann eine besondere Herausforderung, wertvolle Tipps zu geben – solche Herausforderungen mögen wir! Aber das ist natürlich und leider noch nicht die Mehrheit der Unternehmen, die so weit ist.

Gibt es Beispiele für Modelle und Frameworks, die man anwendet?

SP: Ja, die gibt es. Die typische und aktuelle Aufhängung ist die Circular Economy. Im Produktbereich gibt es die beiden Elemente Geschäftsmodelle und Designprinzipien, beides braucht sich. Ich kann kein Produkt gestalten, ohne dass ich das Geschäftsmodell anpasse und umgekehrt. Da gibt es verschiedene Frameworks und je nachdem, was die konkrete Fragestellung ist, bedienen wir uns. Es kommt ein bisschen aufs Produkt und das Ökosystem vom Unternehmen an. Wir haben auch eigene aufgebaut, gerade wenn es um Nachhaltigkeit als Innovationsfeld und die Entwicklung von Geschäftschancen geht. Unser eigenes milani-Tool bezieht sich auf eine koreanische Publikation, in der 38 Designprinzipien auf Nachhaltigkeit bezogen zusammengefasst sind. Das haben wir für uns ein wenig angepasst und mit Beispielen angereichert. Da geht es sehr fokussiert um Industriedesignfragen und weniger um die Geschäftsmodell-Ebene. Wir wollen noch ein bisschen testen und werden das dann sicher auch bei WILDDESIGN vorstellen, damit man ein geteiltes Instrument hat, die Erfahrungen von beiden einfließen und wir so Kunden effizient und bereichernd unterstützen können.

Gibt es Anhaltspunkte, um herauszufinden, wie nachhaltig ein Unternehmen schon ist? Wo fange ich an?

SP: Ja, da haben wir einen kleinen Nachhaltigkeits-Check mit wenigen Fragen bei uns auf der Webseite. Der gibt uns einen Überblick, wo das Unternehmen steht, wo es hinmöchte und welche Themen im Vordergrund stehen. Damit können wir sehr gut in Gespräche einsteigen. Es gibt daneben natürlich viele andere solcher Assessments, die Sustainable Development Goals der UN zum Beispiel, mit den 17 Zielen. Es gibt extrem detaillierte Instrumente, die je nach Situation Sinn machen. Ich finde es gut, mit etwas ganz Schlankem zu starten, deshalb haben wir unseren eigenen Check. Absolute Aussagen zu treffen ist allerdings schwierig, weil es eine Multiperspektive ist. Das muss man erkennen und verschiedene Beurteilungs- und Bewertungsinstrumente benutzen.

Gibt es sonst noch Anhaltspunkte, wo ich mir Unterstützung oder Informationen zum Thema Nachhaltigkeit holen kann?

SP: Es kommt aufs Thema an. Wir sind Designer, wenn es also um Governance-Themen oder die interne Kultur geht, können wir nicht gut helfen. Wenn es darum geht, die Produktionsprozesse vor Ort zu optimieren, Effizienzmaßnahmen zu erkennen und umzusetzen, da sind wir auch nicht so die richtigen. Wir haben dafür ganz viele externe Partner in unserem Netzwerk, die wir dann herbeiziehen. Da findet man je nach Thema gute Unterstützung. 

Zum Abschluss: Wie lässt sich Nachhaltigkeit speziell im Medical Design implementieren und umsetzen?

SP: Die Herausforderung ist, dass die Anforderungen an die Produkte ständig steigen: Normen, Sicherheitsvorschriften, aber auch Bedürfnisse und Erwartungen werden zunehmend komplexer und digitalisierter. Das ist die eine Seite, die andere ist die Verwendung von Einweg-Produkten. Das läuft natürlich dem Gedanken der Nachhaltigkeit entgegen. Wir hatten zum Beispiel ein Projekt, bei dem uns ein Kunde angefragt hat, ein Rücknahmesystem für einen kleinen Injektor aufzubauen. Wir haben dann festgestellt, dass das Produkt an sich sehr komplex ist. Bei der Entsorgung weiß man nun nicht, ob es zum Medizinalbereich gehört oder zum Elektroschrott. Da beißen sich auch die Regulatorien. Diese Komplexität zu entflechten und besser in den Griff zu bekommen ist sicher eine Herausforderung im medizinischen Bereich.

Danke Samuel für das Interview.


Wollen Sie mehr über das Thema wissen? Schreiben Sie an perret@milani.ch

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Lydia

Lydia schreibt über Designprozesse und unsere Projekte im Bereich Medical Design.

Originally written by Lydia Münstermann, 28. Juli 2021. Last updated 15. September 2021

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