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DIY Doctor – kräftiger Trend auf der Medica 2018

… beleuchtet von unseren neugierigen Designpraktikanten

Die junge Designer-Generation bemüht sich heute besonders darum, sinnvolle, für viele Menschen zugängliche, smarte Produktlösungen zu gestalten.

Mit diesem Wissen baten wir unsere Designpraktikanten Aibolot Makenov (Kirgisistan), Jessica Castor und Timo Scheitinger (Deutschland) darum, mit ihrem frischen Blick über die Medica 2018 zu ziehen, der weltgrößten Medizinmesse die im November, wie jedes Jahr, in Düsseldorf stattfand. Sie sollten ein Thema herausgreifen, das für ihre „jungen Blickwinkel“ das augenfälligste Potenzial für eine zukünftige Entwicklung mitbringt.

Auf der Messe fiel ihnen ein Trend besonders ins Auge, der landläufig als Do-it-yourself-Doktor oder kurz DIY-Doktor beschrieben wird. Hinter diesem Begriff verbergen sich Geräte und technischen Anwendungen, die entwickelt wurden, um Krankenpflege auch außerhalb von Krankenhäusern und Arztpraxen – fern vom eigentlich ausgebildeten Arzt oder Health-Care-Professional möglich zu machen. Hauptsächlich werden diese Produkte entweder vom Patienten selbst oder anderen Personen ohne medizinische Ausbildung genutzt, um Krankheiten zu diagnostizieren, um zu behandeln oder um den Gesundheitszustand zu „monitoren“.

Auf der Medica haben wir drei Arten von Geräten ausgemacht, die zur Eigendiagnose und -behandlung genutzt werden können. Wie auch in der Grafik zu erkennen, sind sie alle miteinander verbunden.

1. Krankenpflege zu Hause

Moderne Technologie mit benutzerfreundlichen Interfaces ermöglicht es immer mehr Patienten und deren Angehörigen, grundlegende medizinische Behandlungen und Diagnosen selbst und in den eigenen 4 Wänden durchzuführen. Weniger Arztbesuche sind nötig, aber gleichzeitig immer mehr Gesundheitschecks und Behandlungen möglich. Auf der Medica 2018 wurden viele solcher Produkte für die Behandlung und Diagnose zu Hause vorgestellt.

Da war Ybrain, ein Startup, das auf Neurowissenschaften spezialisiert ist und dessen Ziel es ist, die Lebensqualität von Patienten mit Hirnerkrankungen wie Alzheimer zu verbessern. Am Anfang stand das smarte Stirnband MINDD STIM. Ein kabelloses Hirnstimulationssystem, das die Behandlung zu Hause nach entsprechender Anleitung durch einen Arzt ermöglicht. Das Gerät nimmt die Daten der Hirnaktivitäten auf, speichert sie und analysiert sie auf einem separaten Gerät, dem MINDD STIM-Modul. Ärzte haben Zugang zu diesen Daten und das benutzerfreundliche Interface erleichtert die Kommunikation zwischen Patienten und behandelndem Arzt.

Weiter mit StethoMe. Es handelt sich hierbei um ein kabelloses Stethoskop für junge Eltern, mit dem sie Standard-Gesundheitschecks bei ihren Kindern durchführen können. Auf diese Weise lassen z.B. sich chronische Lungenkrankheiten überwachen. Das zertifizierte medizinische Gerät nutzt Künstliche Intelligenz, um Symptome festzustellen. Der Gesundheitszustand wird den Eltern sowie dem Arzt auf einem Smartphone per App angezeigt, außerdem kann der jeweilige Status zu jeder Zeit im Verlauf der Krankheitsgeschichte aufgerufen werden.

Nuvoair, ein schwedisches Unternehmen, verkauft das AIR NEXT Spirometer. Ein einfach anzuwendendes Tool für Patienten mit chronischen Lungenkrankheiten, die ihren Gesundheitszustand beobachten wollen.

Diese drei Produkte haben wir hier stellvertretend für eine Vielzahl von ähnlichen Produkten vorgestellt. Sie alle haben ein minimalistisches Design mit überwiegend einfachen Formen und möglichst wenig bzw. einfachen Bedienelementen. Die selbsterklärende Produktsprache wird durch Desktop- oder Smartphone-Interfaces ergänzt, mit denen private Nutzer bestens vertraut sind.

Dieser Trend in der häuslichen Krankenpflege ist sowohl für das derzeitige als auch das zukünftige Gesundheitssystem wichtig, denn die Datenmenge über den Gesundheitszustand des Patienten ermöglicht es, Symptome schneller und genauer bestimmen zu können. Patienten mit chronischen Krankheiten und ältere Patienten profitieren am meisten von den neuen DIY-Produkten.

2. Telemedizin für die Eigenanwendung

Seit vielen Jahren wird die Telemedizin als Trend von morgen gehandelt. Leider konnten sich nur wenige Anwendungen bisher im Markt etablieren.

Es wird normalerweise ein Gerät zur Video- und Telekommunikation eingesetzt, das es Fachleuten untereinander ermöglicht, ihr Wissen auszutauschen. Darüber hinaus bieten sie weitere Möglichkeiten für Patienten, um einen echten Arzt zu konsultieren. Aus Nutzersicht lässt dieser Aspekt die Geräte als besonders vertrauenserweckend erscheinen.

H4D aus Frankreich (Health for Development), das von dem Arzt Franck Baudino gegründet wurde vermarktet bereits erfolgreich seine Telekabine, die Consult Station. Baudino, der entlegeneren Gegenden einen besseren Zugang verschaffen wollte, hat mehrere Jahre gebraucht, um seine Telehealth-Kabine zu testen und zu entwickeln. Eine der größten Herausforderungen dabei war, die Patienten bei der Anwendung der Instrumente anzuleiten. Mittlerweile kann die Consult Station mehr als 90 Prozent der häufigsten Krankheiten behandeln. H4D wächst weiter, vor allem seit sich ein neues Geschäftsfeld aufgetan hat: Größere Unternehmen installieren eine Consult Station in ihrem Büro, sodass Angestellte nicht mehr so viel Arbeitszeit für einen Arztbesuch aufwenden müssen. (Vgl.: „This telehealth cabin connects qualified doctors with patients all over the world“ von Frances Marcellin für Vive la tech, 13. Dezember 2017).

Für Patienten ist es bequem, die Kabine zu nutzen. Aber nach jedem Besuch muss die Consult Station mitsamt der Geräte durch ein Reinigungsteam gereinigt werden. Das US-amerikanische Unternehmen MEDEX Spot behauptet von seinen Telehealth-Kabinen, selbstreinigend zu sein. Zwar sind ihre Kabinen tatsächlich in der Lage, Verunreinigungen durch Kameras aufzuspüren, aber ist die Selbstreinigung wirklich so gründlich wie eine manuelle durch entsprechend geschultes Personal – wir sind da skeptisch!

Die Idee, online Termine zu vereinbaren und den Arzt dann durch einen Monitor zu sehen, wird allerdings kontrovers diskutiert. Unserer Meinung nach versucht diese Produktidee einen Missstand in unserem Gesundheitssystem zu beheben, für den man eigentlich andere Lösungen finden sollte. Natürlich unterstreichen diese Produkte die Notwendigkeit eines einfacheren Zugangs zum Gesundheitssystem, aber wir finden, dass dieser Weg eher ein Hilferuf ist als eine gute Lösung, denn als Designer haben wir immer die Bedürfnisse der Nutzer vor Augen.

Verschiedene Prozeduren an sich selbst durchzuführen, während man krank ist und sich schlecht fühlt, ist aus Nutzersicht keine optimale Lösung. Diese Kabine ist außerdem nicht sonderlich praktikabel für jeden: Ältere Menschen, die häufiger einen Arzt aufsuchen müssen, haben es sicher umso schwerer, die Prozeduren selbst vorzunehmen. Da die Kabinen recht eng sind, gibt es auch keinen Platz für eine zweite Person, um zu assistieren. Das Gefühl, von einem Arzt einfach abgefertigt zu werden, ist heutzutage bereits weit ausgeprägt. Wir erwarten daher, dass das Nutzererlebnis der Telehealth-Kabinen zumindest in Industrienationen eher negativ ausfällt.

3. Das Smartphone wird zum medizinischen Gerät oder Instrument

Ein weiterer deutlicher Trend auf der Medica 2018 war die Nutzung des Smartphones als medizinisches Gerät. Smartphones sind aufgrund ihrer Ausstattung mit verschiedenen Sensoren, starken Prozessoren, einem Touchscreen als variable Nutzeroberfläche sowie Internetzugang grundsätzlich bereits dazu geeignet, medizinische Analysen vorzunehmen. Die einfachste Leistung, zu der ein Smartphone in dieser Hinsicht mit seiner bereits eingebauten Technologie in der Lage ist, ist die Aufzeichnung von Husten, die Auswertung von Asthmabeschwerden, nasale Symptome etc. durch ein Audiomikrophon. Die Aufzeichnung der Herzrate, des Blutdrucks sowie des Sauerstoffgehalts im Blut kann durch einen Videostream geschehen, die Entdeckung von Melanomen und die Analyse von Wunden durch die Kamera. Das Gyroskop des Telefons kann genutzt werden, um die Körperhaltung sowie Bewegungen zu messen und wird vor allem in präventiver Pflege angewendet, zum Beispiel um Übergewicht zu bekämpfen.

Neben medizinischen Smartphone-Applikationen kann die Technologie durch externe Hardware erweitert werden. Zum Beispiel durch die D-Eye-Kamera, die durch eine spezielle Smartphone-Hülle installiert wird. Diese Kamera ist eine zusätzliche Hardware für das iPhone, die zusammen mit einer App das Telefon in ein mobiles Ophthalmoskop verwandelt. Mit der D-Eye-Kamera kann der Arzt das Auge eines Patienten betrachten und auffällige Augenkrankheiten erkennen. Die Bilder werden für weitere Untersuchungen gespeichert. Das Resultat ist ein einfach zu nutzendes mobiles Gerät, das sich auch für bettlägerige Personen eignet. (Vgl.: D-Eye) Ein ganzes Bündel von nahezu professionellen Möglichkeiten – zu einem unschlagbar günstigen Preis.

Das Smartphone in ein medizinisches Gerät zu verwandeln eröffnet nahezu unbegrenzte Möglichkeiten für erschwingliche Medizinprodukte. Die hohen Kosten für medizinische Geräte sind ein allgemeines Problem im Gesundheitswesen überall auf der Welt, insbesondere aber für unterentwickelte Länder. Das Smartphone ist auf dem neuesten technologischen Stand sowie weit verbreitet und sollte vielen Teilen der Weltbevölkerung einen besseren Zugang zur Gesundheitspflege ermöglichen. Wir denken, dass sich diese Idee überall auf der Welt durchsetzen wird.

Aussichten

Die Einsichten in den Trend des DIY-Doktor auf der Medica 2018 haben gezeigt, dass die Zukunft der Krankenpflege viel nutzerfreundlicher für Patienten aber auch für Ärzte werden wird. Heutzutage sind die Pflegeeinrichtungen überlastet. Aus ökonomischen Gründen muss die Behandlung der Patienten besonders effizient sein, oftmals auf Kosten des Komforts und der Zeit der Patienten und auch des Arztes. Dadurch entstehen Fehler, die zusammen mit einer unzutreffenden Diagnose sowie psychologischen Faktoren der Gesundheit des Patienten noch mehr schaden können.

Die Patienten dazu in die Lage zu versetzen, gesundheitliche Untersuchungen und Behandlungen selbst durchzuführen entlastet nicht nur Pflegeeinrichtungen und Angestellte, sondern spart auch eine Menge unproduktiver Wartezeit. Die Behandlung zu Hause ist komfortabel und individuell, auch wenn natürlich generell Risiken damit verbunden sind, seine Behandlung selbst in die Hand zu nehmen. Vertrauenserweckende und nutzerfreundliche Produkte sind deshalb sehr gefragt.

Zukünftige Herausforderung für uns Designer wird es sein, die Bequemlichkeit mit der notwendigen Sicherheit zu verbinden. Ein zufriedenstellendes Nutzererlebnis zu schaffen ist wichtig, da medizinische Produkte in Zukunft zunehmend vom Endverbraucher angeschafft werden und damit auch den Gesetzen des Massenmarktes unterliegen.

Text: Jessica Castor, Aibolot Makenov, Timo Scheitinger

Illustrationen: Jessica Castor

Vielen Dank euch dreien für euer Trend-Spotting auf der Medica. Die beschriebenen Beispiele sind der Beweis dafür, dass Medizin und Lifestyle sich annähern und im besten Fall eine Symbiose eingehen.


Markus Wild

Wenn Sie weiter in aktuelle Trendthemen aus der Medical Welt eintauchen wollen, empfehle ich Ihnen unser 2018er Medical Design Trend Update.

Die Zukunft ist nicht-invasiv - Teil III
Die Zukunft ist nicht-invasiv - Teil II
Jessica, Aibolot & Timo

Jessica, Aibolot & Timo

Die drei Designpraktikanten des Jahrgangs 2018 eint ihre Liebe für das Thema Gesundheit und eine große Neugier an praktischen Design-Lösungen.

Originally written by Jessica, Aibolot & Timo, 29. November 2018. Last updated 06. Februar 2019

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