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Die Zukunft ist nicht-invasiv – Teil II

By Jon Walmsley, 04. April 2018

In unserem letzten Artikel über nicht-invasive Chirurgie habe ich die ersten Phasen unserer Zusammenarbeit mit Rejoin vorgestellt, einem neu gegründeten chinesischen medizinischen Start-up, das sich auf sportmedizinische Implantate und nicht-invasive arthroskopische Instrumente für die Chirurgie spezialisiert hat. Bitte lesen Sie Teil 1, um mehr über die Hintergründe zu erfahren.

Mit seiner ausgeprägten Erfahrung im Medical Design und einer Vielzahl von Projekten für medizinische Unternehmen unterschiedlicher Größen, sollte das WILDDESIGN Shanghai Team Rejoin unterstützen, eine durchgängige Designsprache für gleichermaßen funktionelle wie attraktive arthroskopische Instrumente zu entwickeln.

 

Unterscheidbarkeit als Markenwert

Zu Beginn stand eine ausgeprägte Analyse der existierenden Wettbewerbsprodukte. Die vielen hundert Produktbeispiele clusterten wir auf großen Positionierungs-Maps, um die Portfolios und das Erscheinungsbild internationaler und lokaler Wettbewerber zu visualisieren. Indem wir eine Reihe von Faktoren aus Branding, Marketing und Produktfeatures analysierten, fanden wir heraus, dass die überwältigende Mehrheit etablierter Wettbewerber in traditionellen visuellen Identitäten feststeckte. Nur ein Bruchteil des gesamten Weltmarktes hatte sich bewusst ein dynamisches Erscheinungsbild gegeben. Aus dieser ersten Momentaufnahme konnten wir deutlich erkennen, wie sich Rejoin-Produkte in Zukunft vom Markt abheben konnten, indem wir Form und Farbe  als hauptsächliche Treiber einsetzten.

Moodboard-Inspiration: Bildquellen am Ende des Artikels.

 

Visionär von Anfang an

Auch wenn er es als durchaus gewagt bezeichnete, unser Kunde folgte unseren kühnen und möglicherweise riskanten Vorschlägen zu einer erhöhten Markenaufmerksamkeit. Indem wir Rejoin überzeugen konnten, ihre Marke als dynamisch wahrzunehmen, und sich an die in Teil 1 erwähnten großen Konsummarken anzulehnen, konnten wir unsere Ideen weiter verfolgen. Nun mag es so aussehen, als würden wir uns rückwärts bewegen, als wir auf die retro anmutende Idee, „schockierend violett-pink“ setzten, aber tatsächlich versuchten wir eine starke Farbe zu etablieren, um sie zum integralen Bestandteil der Markenidentität zu machen. Wir wollten vermeiden, dass unser Kunde am Ende der Entwicklung für eine solche Entscheidung nicht mehr genügend Mut aufbringt, da das Thema Farbe bei medizinischen Instrumenten in engen Grenzen und vorgefassten Meinungen gesehen wird und nicht mit  dem Thema Farbe im Konsumgüterbereich zu vergleichen ist. Es hat tatsächlich einiges an Überzeugungsarbeit gekostet, aber das ist auch gleichzeitig das Schöne an der Designarbeit: wir können den Kunden durch unsere visuellen Darstellungen gezielt mit auf eine Designreise nehmen. An dieser Stelle haben wir uns dann dem Thema Benutzerfreundlichkeit zugewandt und die Farbe zunächst einmal ohne Pantone-Definition liegen gelassen.

 

Usability – das grundlegende Designprinzip

Als Grundvoraussetzung für den Designprozess war es wichtig zu verstehen, wie jedes Instrument in der klinischen Praxis eingesetzt wird. Wie bei meiner Operation wurde eine Vielzahl spezieller Schulterwerkzeuge verwendet, um zu schneiden, zu bohren, zu nähen und zu schrauben. Um diesen komplexen Anforderungen gerecht zu werden, hat die Sportmedizin eine Reihe standardisierter Implantate (Anker und Nähte) entwickelt, die entweder dauerhaft im Patienten verbleiben oder nach etwa 5 Jahren biologisch abgebaut werden. Polyetheretherketon, auch bekannt als PEEK, welches ein farbloses thermoplastisches Polymer ist, ist der Industriestandard für solche Fälle. Die Entscheidung für PEEK gegenüber Titan ergibt sich aus der potenziellen Gefahr für die Gelenke; Titanteile können zu abrasiven Problemen führen und die innere Kapsel beschädigen. In der Folge haben wir uns vornehmlich auf die Usability-Themen in den Handflächen und Fingerspitzen des Chirurgen konzentriert: ergonomische Überlegungen für Griffe, Schnittstellen oder Mechanismen, die die Präparation und Fixierung der Implantate erleichterten.

 

Schnelle Prototypen – das Schmiermittel für die Nutzerzentrierung

Während der Kreativphase unseres ersten Tools wurde schnelles iteratives Prototyping verwendet, um eine Reihe verschiedener Formfaktoren direkt manuell testen zu können. Am Ende hatten wir eine Griff-Geometrie entwickelt, die sich zu einem abgerundeten fünfeckigen Querschnitt verjüngt und sich ideal für chirurgische Operationen wie z.B. Meniskusentfernung eignet. Ein paar Dutzend 3D-Drucke und Handmodelle später hatten wir nicht nur die Geometrie erarbeitet sondern konnten uns auch mit den Oberflächen beschäftigen. Hier stellte es sich als besondere Herausforderung heraus, die Serienoberfläche so zu simulieren, dass die Textur im Spritzgussteil Tests mit und ohne Einmal-Handschuhen zuließ. Da „doppelte Handschuhe“ heute Standard sind, um chirurgische Kreuzinfektionen zu vermeiden, verlangen Chirurgen heute eine immer bessere Kontrolle über ihre Werkzeuge und Instrumente.

Nachdem wir die Form unseres ersten Tools festgelegt hatten, erprobten wir verschiedene Verrippungstechniken, die es uns ermöglichen würden, den Materialverbrauch zu reduzieren, die Taktilität zu erhöhen und schließlich stilistisch eine einzigartige Designsprache zu schaffen. Bei dieser Option haben wir die Griffstrukturen optimiert, um sicherzustellen, dass sie als ein Spritzgussteil sauber entformt werden können. Durch Dutzende von Schaum- und 3D-gedruckten Prototypen definierten wir die Größe und den Raum jedes Durchbruchs und brachten die endgültige Form in Einklang mit den Design- und Konstruktionsanforderungen. Wir erstellten auch einen Quasi-Algorithmus für die automatische Ableitung der Verrippungen, um eine Anleitung für die weiteren Instrumente zu erhalten. Noch fehlte aber das Feedback der User, um sicher zu sein.

 

Noch mehr Usability-Tests

Jetzt näherte sich WILDDESIGN dem Ende der Designkonzeption und wir mussten uns der Realität stellen, wie gut wir die chirurgischen Verfahren und die praktische Anwendung verstanden hatten. Chirurgen und Krankenhauspersonal kamen in mehreren Workshops zusammen, um die entwickelten Prototypen zu testen. Dies ermöglichte einen unverstellten Blick auf die tatsächliche Nutzung und Wahrnehmung der Nutzer, die wir über Usability-Scores für verschiedene Handgriffe und Interaktionen dokumentierten. Das letztendliche Ziel dieser Tests lässt sich am ehesten in Markus‘ letztem Beitrag ablesen: „chirurgische Instrumente so zu konstruieren, dass effizientere Arbeitsabläufe, ein höheres Maß an Sicherheit für die Patienten und eine geringere Belastung der Anwender möglich sind“. Zwangsläufig kamen hier noch störende Details und potentielle Probleme im Handling auf den Tisch, die lebhaft diskutiert wurden und letztendlich in die Verfeinerung und Ausreifung der Produkt einflossen.

Es ist erwähnenswert, dass die direkte Verbindung zu Chirurgen und Praktikern in einem möglichst frühen Stadium von unschätzbarem Wert ist, um erste Produktvisionen und Konzepte zu bestätigen. Durch die Einbeziehung von Chirurgen in diese Design- und Usability-Entscheidungen und durch die Etablierung einer Feedback-Schleife haben wir auch ihr Interesse an Rejoin geweckt und damit den frühen Erfolg und die Aufmerksamkeit im Markt vorangetrieben. Da bei solchen Usability-Tests mehr oder weniger alle Aspekte offengelegt werden, konnten wir auch Input für die bevorstehenden Zertifizierungs- und Vertriebs-Themen generieren, während uns gleichzeitig vorgeführt wurde, wie wir die Produkteinführungen optimieren und letztlich aufregende Markenerlebnisse gestalten können.

 

Farbe, Material und Finish

Zurück im Designstudio haben wir uns intensiver mit CMF (Color-Material-Finish) beschäftigt. Das unendliche Meer an konventionell gestalteten Produkten vor Augen waren wir inzwischen immer zuversichtlicher, dass Farbe ein extrem wichtiger Bestandteil für unsere Designsprache werden würde. Es gab einen letzten Trick, auf den wir bisher noch nicht gekommen waren; wie konnte das Produkt nur durch Material und Farbe noch intuitiver werden, während es gleichzeitig seine auffällige Wertigkeit behält. Die Antwort war Transluzenz.

 

Mehrfachbrechungen bringen Tiefe und Sättigung in das Objekt, während die sichtbare innere Struktur des fertigen Instrumentes Stabilität und Vertrauen vermittelt. Rein ästhetische betrachtet würde ein violettes, durchscheinendes Werkzeug, das auf einem Tisch mit anderen „soliden“ Werkzeugen liegt, definitiv herausstechen. In Zusammenarbeit mit Speziallieferanten für medizinisch verwendbare Kunststoffe begannen wir dann, die idealen Polymere und Oberflächen auszuwählen, um diese Idee zu realisieren. Nach einer langen Testphase des Polymers in Spritzgussformen und der Bestätigung durch die CFDA-Zertifizierung hatten wir endlich unser Ziel erreicht und ein äußerst aufmerksamkeitsstarkes Instrument für dieses sportmedizinische Segment geschaffen. Getragen von einer starken Rejoin-Führungsebene mit der Vision, ihre Marke zum Marktführer zu machen und eine einzigartige Designsprache als Beschleuniger zu verwenden, durften wir diese Designmerkmale dann konsistent auf alle zukünftigen Tools übertragen, um die Markenwerte zu stärken und Vertrauen in eine globale Vision zu geben.

In unserem nächsten und letzten Teil III dieser Blogserie werden wir einige unserer neuesten Entwicklungen für Rejoin vorstellen und die direkten und indirekten Vorteile des Aufbaus eines CIDM (Corporate Identity Design Manual) diskutieren. Egal, wie man die übergreifende Festlegung einer Designsprache nennt, Design-DNA, CPP (Corporate Product Perception) oder Design Guidelines, sie ermöglicht großartige Nutzererfahrungen und schafft externe und interne Identifikation mit der Marke, z.B. bei den Mitarbeiten.  Ein wichtiger Bestandteil einer fortschrittlichen Unternehmenskultur.  Bleiben Sie dran am Thema. Die Zukunft ist nicht nur nicht invasiv, sondern auch durchscheinend violett.

 

 

Haben Sie jetzt schon Fragen?

Wollen Sie mehr darüber wissen, warum Usability und Farbe eine besondere Rolle im Medical Design spielen ODER sind Sie neugierig darauf, mehr über das Geheimnis von Designsprache zu erfahren – und wie Ihr Unternehmen davon profitieren kann?

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Bildquellen:
[Nike Uniform: https://news.nike.com/news/crimson-tide-to-play-for-bcs-title-in-nikes-most-innovative-uniform-system]
[Nike Golf Shoe: https://news.nike.com/news/nike-golf-launches-new-shoe-nike-fi-impact]
[Asus Zenfone: https://curved.de/news/asus-zenfone-2-deluxe-zoom-selfie-max-und-2-laser-im-hands-on-295370]

Die Zukunft ist nicht-invasiv - Teil III
Die Zukunft ist nicht-invasiv
Jon Walmsley

Jon

Jon ist ein UK Designer der Form und Bedeutung in seinen Design-Ergebnissen umsetzen will. Er untersucht das Verbraucherverhalten mit Hilfe von Human-Centered-Design um Marke, Produkt und Service besser zu verstehen. Er will einzigartige Markenwerte und nachhaltige Nutzererfahrungen schaffen. Er liebt geröstete Pastinaken und sehnt sich bisweilen nach Gelegenheiten für polyrhythmische Gitarrensoli im Desert-Rock Style.

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